Der Brauchtumsausschuss - Bewahrer und Entwickler -
Der Brauchtumsausschuss entstand, um den besonderen Anliegen, Problemen und Sichtweisen der süddeutschen Fastnachter intensiver Rechnung zu tragen. Arbeitsschwerpunkte liegen auf: Grundfragen der Archivarbeit in Verbänden und Vereinen - Aktuelle Fragen der Brauchtumspflege in einer globalen Gesellschaft - Brauchtumspflege im Spannungsfeld eines sich beschleunigenden Generationswechsel - Bewahrung der Brauchgrundlagen in einem medienorientierten Freizeitwandel.

Vorhandene Beiträge
  • Organisieren wir die ursprüngliche Fastnacht zu Tode?
  • BDK-Freundschaftstreffen der Verbände mit alemannischem Brauchtum
  • Fasching - Fastnacht - Karneval
  • Landschaftliche Schwerpunkte des Brauchgeschehens:
  • Aktuelle Formen der fastnachtlichen Braucherscheinungen:
  • Epochale Brauchschwerpunkte:

  • Organisieren wir die ursprüngliche Fastnacht zu Tode?
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    Ein, zugegeben, etwas überspitzter Diskussionsansatz für die Sitzung des Brauchtumsausschusses des Bundes Deutscher Karneval anlässlich des BDK-Freundschaftstreffens in Memmingen. Als besonderen Gast in dieser Runde durften wir den Kulturpreisträger der Deutschen Fastnacht, Herrn Professor Dr. Dietz-Rüdiger Moser begrüßen.
    Wirklich überspitzt formuliert, oder einfach nur den wunden Punkt getroffen? Die Zukunft wird es zeigen, heißt es so schön. Doch wer die Vergangenheit kennt, der kennt auch – zumindest einen Teil - der Zukunft.

    Tauchen wir kurz in die Historie der Fastnachtsentwicklung ein, so stellen wir fest, dass sich sehr viele Bräuche und Spielformen aus einer gewissen Spontaneität entwickelt haben. Zu politischen, kirchlichen und gesellschaftlichen Erlassen entwickelten die Menschen (bereits im Mittelalter) in der Fastnacht „Gegenmodelle“, die diese gesellschaftlichen Bestimmungen
    persiflierten - eines d e r noch heutigen Markenzeichen des Karnevals, Faschings und der alemannischen Fasnet.

    Denken wir gerade hierbei an den politischen Karneval in Mainz, sowie an die Rosenmontagsumzüge mit den politisch geprägten Motivwagen in Köln und Düsseldorf. Darüber hinaus wurden aktuelle Themen der jeweiligen gesellschaftlichen Epoche bildlich dargestellt. Als frühes Beispiel der Nürnberger Schembartlauf mit seinen „Höllenthemen“ bis hin in unsere Zeit, als beispielsweise 1961 die Mondlandung nahezu für sämtliche Umzüge und Veranstaltungen als Leitmotiv galt.

    Betrachten wir die Photoaufnahmen der zurückliegenden 100 Jahre im 10-Jahresrythmus, so werden wir Erstaunliches feststellen. Jedes Jahrzehnt unterliegt einer deutlichen Veränderung des fastnächtlichen Brauchtums. Sei es im Aufwand der Gestaltung, der Ideenvielfalt, der Motivation und nicht zuletzt der Spontaneität. Organisieren ja, aber auf Kosten der Spontaneität? Nein! Tatsache ist aber, dass die organisierte Fastnacht ihre Blütezeit hat, doch wir dürfen nicht den Blick davon lenken, dass dadurch auch etwas verloren gehen könnte. Nämlich die eben erwähnte Spontaneität.

    Prallgefüllte und mehrfach ausverkaufte Säle und Festhallen, hoch motivierte ehrenamtliche Mitwirkende, eine Bevölkerung, die sich aktiv am Karneval, am Fasching an der alemannischen Fasnet beteiligt. Sind wir ehrlich: Ist das noch die Realität?

    Oder sieht die gegenwärtige Situation in der deutschen Fastnachtslandschaft vielmehr so aus, dass die Säle und Festhallen eben nicht mehr so prallgefüllt sind, dass die Mitwirkenden nicht mehr so hoch motiviert sind?

    Setzt sich die Bevölkerung lieber in den eigenen vier Wänden die Pappnase oder die Maske auf, weil sie beim Fernsehumzug im Wohnzimmersessel sitzen kann und bei einem „Live-Umzug„ stehen muss? Diese Frage muss jeder für sich beantworten. Nur eines dürfen wir nicht tun: Aufhören, uns über gewisse Entwicklungen, die unser Brauchtum betreffen Gedanken zu machen. Wer aufhört besser zu werden, hat aufgehört gut zu sein. Ein Satz, den man sich merken sollte.

    Wir müssen diese Entwicklungen annehmen, lernen mit ihnen umzugehen und nötigenfalls versuchen, sie zu ändern. Bevor man aber ein Problem beheben kann, muss man sich damit auseinandersetzen, wo es eigentlich steckt.. Ich kann die Krankheit nur bekämpfen, wenn ich sie erkannt habe.

    Das ist für mich der zentrale Punkt, denn zu viele schließen die Augen nur allzu gerne, und sehen (oder wollen es nicht sehen), wohin unser „Narrenschiff“ derzeit hinschippert. Um Veränderungen zu erreichen, müssen wir zunächst bei uns mit Veränderungen beginnen. Ein Sprichwort besagt: Der Mann, der den Berg abtrug, war der gleiche, der begann, die Steine wegzuräumen.
    Wenn wir Großes erreichen wollen, müssen wir mit den kleinen Dingen beginnen. Ohne das Wollen zur Veränderung, ohne den kritischen Umgang untereinander ist das nicht möglich.

    Das war ein Schwerpunkt unserer Tagung. Der Weg ist das Ziel, heißt es so schön. Das eben Angesprochene war der Weg, unser anvisiertes Ziel waren die Eckpunkte für einen „Spagat“ zwischen organisierter und spontaner Fastnacht zu erarbeiten.

    Nicht einfach, sind es doch eigentlich zwei grundverschiedene Systeme. Ich sehe aber genau hier die Möglichkeit, die närrischen „Nichtaktivisten“ wieder näher an unser Brauchtum heranzuführen. Näher an unsere Veranstaltungen, Umzüge und die Geschichte der Fastnacht. Der Schlüssel hierfür liegt nach meiner Auffassung an uns selbst. Klasse statt Masse (ich meine hier das Überangebot an Veranstaltungen), Eigeninitiative und Kreativität (ich meine hier den Mut, die eigene Situation ehrlich zu beleuchten und nötigenfalls Veränderungen einzuleiten), und zu guter letzt, sich wieder auf die eigenen, regionalen Wurzeln zu besinnen.

    Die vom Brauchtumsausschuss in Zusammenarbeit mit Professor Dr. Moser erarbeiteten Eckpunkte sollen lediglich als Möglichkeiten angesehen werden, und nicht als endgültige Lösungen. Dies ist schon aufgrund regionaler Verschiedenartigkeiten gar nicht möglich. Aber nachdenken und reden sollte man darüber, mit der zentralen Botschaft an die Menschen, dass die Fastnacht, der Karneval, der Fasching weit aus mehr zu bieten hat, als Luthers Zitat von der „Sauf- und Fressfastnacht“.

    Die Eckpunkte:

    1.
    Das eigene, regionale Brauchtum ist genau zu definieren.

    - was ist Brauchtum
    - wo liegen die regionalen Wurzeln
    - welche historischen Bedeutungen haben die eigenen Veranstaltungen

    2.
    Eine Brauchtumsliste ist zu erstellen, die sämtliche regionale Bräuche und Besonderheiten umfasst.

    3.
    Die regionalen Bräuche sind mit den historischen Fastnachtsbräuchen zu vergleichen. Viele regionale Bräuche haben hier ihre Ursprünge, oder sind zumindest daran angelehnt. Die Möglichkeit einer verständlichen Erklärung des eigenen Brauchhandelns ist somit gegeben. Ansätze für diese Arbeit sind die mittelalterliche Stände- und Kleiderordnung, aus denen sich viele Fastnachtsbräuche entwickelten, sowie die klassischen Fastnachtsspiele und weitverbreiteten Heischebräuche.

    4.
    Stadt- und Gemeindehistoriker sind wenn möglich in diese Arbeit mit einzubeziehen. Wie war es früher? Besteht die Möglichkeit, die eigene Stadt oder Gemeinde in die fastnächtliche Brauchentwicklung mit einzubeziehen, so erhöht das den Stellenwert immens.

    5.
    Eine Wertigkeitsliste ist zu erstellen, wie man was der Öffentlichkeit präsentieren möchte. Sie muss Ansätze und Anreize enthalten, um die fastnächtlichen „Nichtaktivisten“ wieder „aktiv“ und „spontan“ am karnevalistischen Brauchtum zu beteiligen. Der Karneval, der Fasching und die alemannische Fasnet sind am schönsten, wenn man sich selbst daran beteiligt!

    Das alles ist mit viel Arbeit verbunden, aber wenn wir eine positive Veränderung erreichen wollen, dann müssen wir auch bereit sein, etwas dafür zu tun. Darüber hinaus müssen wir uns auch im Klaren darüber sein, dass dieser Weg kein kurzfristiger, sondern zumindest ein mittelfristigerer sein wird.

    Dass wir uns Gedanken machen müssen, um auf gewisse gesellschaftliche Prozesse reagieren zu können, dürfte jedem von uns klar sein. Die Frage ist wie wir darauf reagieren. Ich denke, wir sollten uns hier an der „Fastnacht“ selbst orientieren.

    Die Fastnacht ist nicht immer zu haben, sondern nur zu einem ganz bestimmten Zeitraum. Was wir nicht immer haben können verbirgt Reize und Begeisterung. Die Fastnacht ist wiederkehrend, was im Zuge der ständigen globalen Veränderung um uns herum, für eine stabile und verlässliche Beständigkeit steht. Sie beinhaltet Riten und Werte, und ist somit ein Teil unseres abendländischen, christlichen Kulturkreises. Der profane Spaß an der Freude steht für die Lebenslust der Menschen.

    Wir müssen nur versuchen, die Botschaft der Fastnacht, des Karnevals und des Faschings zu verstehen. Tun wir das, dann kennen wir auch die Antworten für unser künftiges Handeln.

    Rainer Domfeld
    Vorsitzender des Brauchtumsausschusses


    BDK-Freundschaftstreffen der Verbände mit alemannischem Brauchtum
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    Jedes Jahr findet im räumlichen Wechsel zwischen den Regionalverbänden
    das BDK-Freundschaftstreffen der Verbände mit alemannischem Brauchtum statt.



    Fasching - Fastnacht - Karneval
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    Räume und Epochen fastnachtlicher Brauchentwicklung im deutschsprachigen Raum

    Allgemeines zum Sprachbegrifflichen:

    Der christliche Kalender bestimmt Wechsel und Abfolge unserer Volksfeste. Die im Kirchenjahr zur
    Vorbereitung auf das Osterfest ausgewiesene 40-tägige Fatsenzeit führte zu einem eigenständigen
    Festtreiben vor dem Beginn. Die sich dabei herausbildenden Bräuche fasst man heute unter dem
    Sammelbegriff „fastnachtliche Bräuche” zusammen.

    Die Bräuche selbst werden in den verschiedenen Landschaften mit recht unterschiedlichen Bezeichnungen
    belegt. Die bekanntesten hochdeutschen Sprachbegriffe sind Fasching, Fastnacht und Karneval. Daneben
    gibt es eine sehr große Zahl an mundartlichen Sonderbegriffen wie Fasnet, Fassenacht, Faßnacht,
    Fasteleer, Fastellovend, usw...

    Besondere Charakteriatika:

    Bereits die vielen verschiedenen sprachlichen Begriffe lassen erkennen, dass es sich nicht um ein überall
    gleiches, sondern in seinen Formen sehr unterschiedliches Geschehen handelt. Ja, man kann sagen, dass
    jede Landschaft, wenn nicht sogar jede Ortschaft, ihre ganz eigenen Formen zur Feier der Fastnacht
    entwickelt hat. Diese überaus große Vielfalt an Fastnachtsformen gibt der Fastnacht im deutschsprachigen
    Raum ihre typische Eigenart.

    Was zu so unterschiedlichen Erscheinungsformen geführt hat, waren einerseits die verschiedenen
    Mentalitäten und gefühlsmäßigen Gestimmtheiten der deutschen Volksstämme, andererseits die unter-
    schiedlichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen in den jeweiligen
    Kulturepochen.

    Grob zusammenfassend kann man drei besonders arttypische Fastnachtgruppierungen im deutschsprachigen
    Raum erkennen:
    den rheinischen Karneval, die alemannische Fasnacht und den alpenländischen Fasching.

    Diese grobe Zusammenschau wird der aktive Fastnachter, Karnevalist oder Faschingsfreund nur ungern
    akzeptieren, da der Stolz auf die eigene fastnachtliche Wesensart bei ihm sehr ausgeprägt ist.


    Landschaftliche Schwerpunkte des Brauchgeschehens:
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    Die fastnachtlichen Brauchformen sind also durch Tradition und Stammescharakter
    bestimmt. Wieweit sie sich unter dem Einfluss der jeweiligen Zeitströmungen in der
    Vergangenheit und der Gegenwart verändern bzw. verändert haben, hängt von dem Maß der Offenheit ab, das ihnen von den jeweiligen Brauchpflegern zugestanden wird oder wurde.

    Die ältesten Traditionsformen lassen sich im alpenländischen Faschingsraum auf-
    spüren, da sich in den abgelegenen und in früheren Zeiten schwer zugänglichen Hochtälern vieles erhalten hat, was andernorts durch immer neue Einflüsse und Veränderungen heute völlig verschwunden ist. Das sind in erster Linie Spielformen des Winteraustreibens und sogenannte Vorfrühlingsfeste. Ihr Nährboden waren
    die vegetationsreligiösen Vorstellungen in vorchristlicher Zeit, die das Denken und Handeln der Menschen bestimmten. Obwohl diesen Vorstellungen durch die
    christliche Missionierung die Grundlagen entzogen wurden, nahm man die rein äußerlichen Formen des Festtreibens mit in die vorfastenzeit des christlichen Brauchkalenders hinüber. Scheller und Roller stellen dabei als Symbolgestalten des Winters und des Frühjahrs den heranstehenden Wechsel in der Vegetation dar und versuchen, ihn mit allerlei glückverheißenden, magisch-rituellen Begleifhandlungen zu beeinflussen. All dies verbindet sich mit vielerlei Spottbräuchen (Rußen, Schlagen,
    Spritzen, Verhöhnen) und zuweilen sogar mit höfisch aufgeputzten Schmuckformen,
    wobei Lärmen und zuweilen disharmonische Musikdarbietungen den akustischen Rahmen stellen. Aber auch hier hat sich nicht nur jeder Landschaftsteil, sondern
    nicht selten sogar jeder kleine Ort seine eigenen Kostüm-, Schemen- und Handlungstraditionen bewahrt. Dabei reichen die Auftrittsformen der Brauchträger
    von relativ schlichten Umgängen von Haus zu Haus bis zu geschlossenen Auftritten
    in größeren Umzügen durch den Ort.

    Träger des fastnachtlichen Brauchgeschehens im alpenländlichen Fasching sind in der Regel bäuerliche Burschengruppen.

    Die im Südwesten Deutschlands beheimatete sogenannte Alemannische Fasnacht ist zweifellos die viel-gestaltigste unter allen Fastnachtformen. Wenn auch ihre ältesten Narrenzünfte mit Stolz auf eine mehr-
    hundertjährige Tradition zurückschauen wollen, so sind die meisten Narrenzünfte doch erst gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts unter dem Einfluß des sogenannten Historismus ins Leben gerufen worden,
    wenn sie nicht sogar erst in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen oder nach 1949 gegründet wurden.
    In der alemannischen Fasnacht kommt vor allem der Stolz auf die eigene Ortstradition zum Tragen, die man in Häs und Schemen bildhaft zum Ausdruck bringen will. Die dabei zutagetretenden Schmuckformen greifen sowohl auf volkstümliche als auch zuweilen auf höfische Vorbilder zurück.

    Der Südwesten Deutschlands ist aber auch durch seine hochentwickelte fastnachtliche Holzschnitzkunst berühmt, die in z.T. sehr eindrucksvollen Schemen der Hästräger zum Ausdruck kommt.

    Träger der Brauchpflege und Brauchdarstellung sind eigene Narrenzünfte, die in ihrer personellen Zusammensetzung meist eng mit den am Ort ansässigen handwerklichen Gesellschaftsgruppen verbunden sind.

    Der rheinische Karneval ist in der heute weitverbreiteten Form erst im vergangenen Jahrhundert ins Leben gerufen worden. Zu seiner Entstehung bedurfte es der politischen und wirtschaftlichen Emanzipation des Bürgertums, das nach der französischen Revolution auch nach eigenen Formen des Gesellschaftslebens strebte. So entstand im Jahre 1823 zuerst in der Stadt Köln ein bürgerlicher Reformkarneval, der die alten und als zu gewöhnlich empfundenen Formen des Fastellovends ablösen sollte, und der sich unter dem Einfluss der zeitgleichen Kulturbewegung der deutschen Romantik an den entschwundenen Traditionen der alten Reichsidee orientierte. Dieser bürgerlich-romatische Karneval trat im 19. Jahrhundert einen wahren Siegeszug durch Deutschland an und verdrängte vielerorts die älteren und kirchenorientierten Formen der Fastnacht.

    Mit der 1838 herausgegebenen ersten „Faschingsmedaille” begründete der Kölner Karneval auch den Brauch, Verdienste um die Fastnacht mit einem Karnevalsorden zu belohnen. Noch heute steht die Qualität dieser Prägungen in Köln an erster Stelle im deutschsprachigen Raum.

    Im Mainzer Raum nahm der Karneval so starke zeitpolitische Züge an, dass er dort in politisch-literarische
    Fassenacht umbenannt wurde.

    Träger des bürgerlichen Karnevals waren in erster Linie die bürgerlichen Gesellschaftsschichten des 19. Jahrhunderts, wenn auch später schließlich handwerkliche Gruppierungen ihre Mitgestaltung durchsetzten.
    Organisiert sind die Brauchpfleger und Brauchdarsteller des rheinischen Karnevals in eigenen Karnevalsgesellschaften.


    Aktuelle Formen der fastnachtlichen Braucherscheinungen:
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    Besonders typische Formen des alpenländischen Fasnachtsbrauchtums haben sich in Imst und Nassereith (Schellerlaufen) und Telfs (Schleicherlauf), sowie in Mittenwald und Partenkirchen (Schellenrühren und Jackl-Schutzen) erhalten. Urtümlichere Formen des Winteraustreibens finden sich im Gebiet der Hohen Tauern (Perchtenlaufen).

    Die alemannische Fasnet stellt sich in ihrer ausgeprägtesten Form in Rottweil und Villingen dar (Narren-
    sprünge).
    Dabei nimmt Rottweil insofern eine besondere Position ein, als dort das gesamte Geschehen auf die Brauchtraditionen am Ort beschränkt bleibt. Ausschließlich Rottweiler Hästräger nehmen am reinen Fußumzug teil. Auf Wagen und andere Schaudarstellungen wird verzichtet. Nur der Rottweiler Narren-
    Marsch ist als Musikbegleitung durch die am Straßenrand stehenden Kapellen zugelassen. Als Narrenzunft beschränkt man sich auf das ortstypische „Juhu”. Am Nachmittag steht das Vorstellen der selbst produzierten Narrenbücher durch die Hästräger selbst im Mittelpunkt.

    In Villingen sind die traditionellen Zünfte und ihre Hästräger in einen größeren Umzug eingebunden. Auch
    Gastzünfte sind gelegentlich zugelassen. Das freie Treiben an den Nachmittagen und Abendengehört den
    „schnurrenden und strählenden” Stachis (individuelle Rügeansprachen).

    In Stockach findet das Rügerecht der Narren im „grobgünstigen Narrengericht” seine ausgeprägteste Form.
    Es geht auf ein urkundlich ausgewiesenes Privileg Erzherzogs Leopold zurück, das dieser seinem Hofnarren Kuoni verliehen haben soll. Durch die heutige Konzentration der Anklage auf hochrangige Politiker ist die
    ursprünglich ortsbezogene Intimität jedoch aufgegeben worden.

    Der rheinische Karneval hat in Köln und Mainz seine Hochformen entwickelt. In Köln, von dem die bürger-
    liche Karnevalsreform im Jahr 1823 ausging, hat sich der Rosenmontagszug durch die Konzentration auf einen reklamefreien Themenzug zu seiner vollendetsten Hochform entwickelt. Daneben ist das sogenannte
    Dreigestirn mit Prinz, Bauer und Jungfrau die Hochform jeglicher karnevalistischen Personifizierung. Die
    Gardecorps sind ein weiteres stadttypisches Rückgrat des Straßen- und saalkarnevals. das rheinische Liedgut des Karnevals ist in den letzten Jahrzehnten weitgehend von moderneren Gesangsgruppen-beiträgen abgelöst worden.

    In Mainz, das 1838 unter zeitpolitischen Einflüssen sein Karnevalstreiben als Mittel zur politischen Agitation
    entdeckte, rückte die „Sitzung” in den Mittelpunkt des närrischen Geschehens. Noch heute stehen politische Redebeiträge im Vordergrund der Darbietungen. Daneben hat auch der Gesang in seiner traditionellen Form noch einen hohen Stellenwert.

    Die in Aachen praktizierte Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst” hat zahlreiche Nachahmungen gefunden. Die Konzentration der Auswahl auf den Bekanntheitswert hochrangiger Politiker hat die ursprüngliche Idee der Polit-Persiflage in den letzten Jahren jedoch stark in den Hintergrund treten lassen. Dieses gilt für die Ordensverleihung bei karnevalistischen Darbietungen aber auch ganz allgemein. Sie sind Erinnerungsstücke an frohe Stunden und zum Teil auch schon begehrte Sammlerobjekte. Ihr eigentlicher Wert sollte durch die Originalität der Darstellung bestimmt sein, doch rücken immer mehr „glanzvolle”,
    sonst aber nichts sagende Prunkstücke in den Vordergrund.

    Eine Sonderstellung nimmt im deutschsprachigen Raum die Basler Fasnacht ein, die sich zeitlich noch am julianischen Kalender orientiert, da die calvinistisch geprägte Stadt die päpstliche Kalenderreform Gregor XIII
    nicht mitvollziehen wollte. Im äußeren Erscheinungsbild dieser Fastnacht mischen sich alte Formen des Winteraustreibens mit den Traditionen der Trommler und Pfeifer aus der Landsknechtsepoche und
    auch Einflüsse des modernen Faschingstreibens sind in den Larven der Cliquen und der Guggenmusiken nicht zu übersehen. Da alles mit fast altväterlicher Ernsthaftigkeit dargestellt wird, ist diese fastnachtliche
    Ausdrucksform für Ortsfremde stimmungsmäßig kaum nachvollziehbar.


    Epochale Brauchschwerpunkte:
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    In der zeitlichen Entwicklungsabfolge stehen die aus der kirchlichen Fastenordnung abgeleiteten Brauchformen wohl an erster Stelle. Hier gestanden die das Volksleben fast allmächtig regelnden Kirchenordnungen den Gläubigen am Tage vor dem eigentlichen Fastenbeginn einen gewissen Freiraum zu. Dass dabei Essen und Trinken, Übermut und Ausgelassenheit in den Mittelpunkt rückten, ist leicht verständlich. Heischeumzüge und Festgelage, Spottspiele und Rügebräuche, Vermummungen und Verhöhnungen, Zunfttänze und Schembartumzüge sind als manifeste Erscheinungen des ausgelassenen Vorfastentreibens dieser Epoche urkundlich nachweisbar.

    Alles war theologisch eng mit dem Begriff der Sünde und des Sünders verbunden und sollte daher auch
    nur auf eine ganz kurze zeitliche Epoche beschränkt sein. Die ständische Gliederung der mittelalterlichen
    Gesellschaft führte jedoch zu einer zunehmenden Ausweitung der Fastnacht (Bauernfastnacht, Herren-fastnacht, Pfaffenfastnacht, Weiberfastnacht, usw.) auf mehrere Tage und schließlich Wochen. Gegen Ende des Mittelalters bildeten sich in den Städten bereits erste karnevalistische Schauformen aus, da das reiche Patriziat und die zu Ansehen und Wohlstand gelangten Handwerker zu Selbstdarstellung strebten.

    Der Nürnberger Schembartlauf gilt als besonders anschauliches Beispiel einer mittelalterlichen Zunftfastnacht. Auch hier aber stand neben den öffentlichen Zunfttänzen das Umherführen des Teufels und seiner Höllen und schließlich seine Verbrennung auf dem Marktplatz immer im Mittelpunkt des Treibens.
    Mit dem Nürnberger Meistersinger Hans Sachs rückte dann auch das Fastnachtsspiel in seiner literarischen Hochform in den Mittelpunkt der innerstädtischen Unterhaltungsangebote und begründete damit die erste deutsche Theatertradition.

    Da Luther das Fastengebot der alten Kirche für sich und seine Gläubigen aufhob, geriet das Fastnachttreiben schließlich auch in die reformatorischen Auseinandersetzungen dieser Zeit und wurde in den reformierten Ländern schließlich generell verboten. Darum hat die Fastnacht in den katholisch ver-
    bliebenen Ländern Europas heute generell eine stärkere, da weitgehend ungebrochenen Tradition.

    Die sich mit Beginn der Neuzeit immer stärker ausformende macht der Landesfürsten führte zu einem
    immer größeren Bedürfnis, diese im Hofzeremoniell zum Ausdruck zu bringen. Hierzu gehörte auch der
    „Höfische Karneval”. In dieser Feudalepoche unserer Geschichte verschlang er bald immer größere
    materielle Summen und bot dazu vor allem den Künstlern immer einträglichere Verdienstmöglichkeiten.
    Jetzt stand auch nicht mehr die christliche Tradition und Sinnbedeutung der Fastnacht im Mittelpunkt, sondern die größtmögliche Prunkentfaltung zu Ehren des Monarchen. Die großartigen Kostümentwürfe für die Maskenaufzüge der Barockzeit, die kunstvollen höfischen Ausstattungs-Singspiele (Opern), die fran-
    zösischen und italienischen Komödien reicherten das Treiben mit immer neuen Formen an Unterhaltungs-
    angeboten an und strahlten auch auf die einfacheren Fastnachtbräuche des Volkes aus. Redouten, Schlittenfahrten und Maskenaufzüge waren die bevorzugten Formen der Karnevalsaktivitäten.

    Als das zu wirtschaftlichem und politischem Machtbewusstsein gekommenen Bürgertum nach eigenen
    fastnachtlichen Gesellschaftsformen strebte, ahmte es die äußeren Formen des höfischen Karnevals anfangs unkritisch nach und stellte in der Person des Helden Karnevals eine neue Symbolgestalt in den Mittelpunkt.
    Auch wenn die dabei aufgegriffenen höfischen Ausstattungsformen als Persiflage ausgedeutet wurden, so kann doch nicht übersehen werden, dass diese weitgehend die öffentliche Szene beherrschten. Erst mit dem Auftreten des Elferrates und seinem mehr an parlamentarischen Aktionsformen orientiertem Agieren wurde
    eine eigene bürgerliche Karnevalsform entwickelt.

    Waren es im 19. Jahrhundert vor allem Gesangs-, Musik. und literarische Vereinigungen, die sich in den neuen Karnevalsgesellschaften betätigten und dem Gesangs- und Sprechbeitrag eine bevorzugte Stellung bei den Saalveranstaltungen verschafften, so sind es in unserer Zeit zunehmend Sportvereinigungen, von denen neue Impulse ausgehen. Dieses hat vor allem dem gardetanz zu einer zunehmenden Bedeutung im
    Karnevalstreiben verholfen.